Bemerkenswerte Pflanzen in der Ackerbauschule (67)
Osage-Dorn oder Milchorange – Maclura pomifera

Im Arboretum der Ackerbauschule stehen zwei merkwürdige Bäume beisammen, die das Jahr über ein relativ unbeachtetes Dasein fristen, bis zu dem Zeitpunkt, wo sich die seltsamen Früchte bilden.

 

Maclura pomifera Beta 04SHF SX

 



























Bei diesen zwei Bäumen handelt es sich um den Osagedorn oder die Milchorange (Maclura pomifera). Die Früchte, die ab Oktober vom Baum fallen, sind grasgrün und sehen seltsam knarzig aus – und sie fallen vor allem durch die Größe und das Gewicht auf, die leicht 10 cm Durchmesser erreichen und bis 500 Gramm schwer werden können. Diese großen schweren Früchte sind nicht genießbar, kaum ein Tier frisst sie. Wie aber verbreitet sich dann diese Art, wenn die Samen nicht durch Tiere verbreitet werden? Der in den USA von Oklahoma über Arkansas bis Texas verbreitete Baum konnte sich früher dadurch ausbreiten, weil seine Früchte von Mammuts, Wollnashörnern und Riesenfaultieren gefressen wurden. Die Samen wurden dann mit dem Kot verbreitet. Mit dem Aussterben dieser Tierarten schrumpfte auch das Verbreitungsgebiet des Osagedorns.


Die in dem Gebiet lebenden Ureinwohner vom Stamme der Osage erkannten den großen Nutzen des Holzes: elastisch, zäh und dauerhaft. Sie schnitten ihre langen Bögen daraus. Die ersten französischen Trapper in dem Gebiet, auf der Jagd nach Pelztieren, nannten deshalb den Baum „Bois d'arc“. Noch heute wird das Holz im traditionellen Bogenbau verwendet, erweist sich aber als sehr anspruchsvoll in der Bearbeitung und stellt das hohe Können der damaligen Indianervölker dar.


Der dornige Baum wurde fortan verbreitet. Später pflanzten die sesshaften Siedler die Pflanzen als lebende Zäune, denn der gut schnittverträgliche Baum konnte zu extrem dornigen Hecken gezogen werden. Bis zur Erfindung des Stacheldrahtes war Maclura deshalb weit verbreitet. Auch Zaunpfosten wurden hergestellt. Das Holz des Baumes erwies sich als dauerhafter Eichenholz.

 

Maclura pomifera LTA 151030 2



















 

Einige der 200 Jahre alten Zaunpfähle stehen deshalb immer noch in der Prärie herum und erzählen von den ersten weißen Siedlern in Amerika. Maclura pomifera ist relativ langsam wachsend, anspruchslos und gesund. Bei uns wächst er in jedem Gartenboden, braucht aber so viel Platz wie ein Birnbaum. Um Früchte zu bekommen, benötigt man jedoch eine männlich und eine weibliche Pflanze; durch Zufall waren die beiden Bäume in der Ackerbauschule genau dies – ein Glücksfall.


In diesem Jahr hat die weibliche Pflanze so viele Früchte getragen, dass der Haupttrieb ausgebrochen ist. Ein Rückschnitt war erforderlich, dürfte aber bald überwallt sein. Die grünen Früchte, die etwas klebrig sind und die einen milchigen Saft enthalten, rufen jedes Mal im Herbst großes Erstaunen hervor und geben Raum für Erzählungen.


Eike Jablonski

 

 

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